«Unsere Software muss die Sprache der Branche sprechen.»

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Raffaelle Grillo, COO der Abacus Research AG, erklärt, weshalb branchenspezifische Software mehr ist als eine Sammlung zusätzlicher Funktionen, welche Rolle Kundinnen, Kunden und Partner bei der Entwicklung spielen und weshalb der grösste Mehrwert in der Gesamtintegration liegt.

Pages: Die aktuelle Pages-Ausgabe widmet sich den Abacus Branchenlösungen. Woran merkst du im Gespräch mit Kundinnen und Kunden, dass eine Lösung wirklich in ihrer Branche angekommen ist?

Raffaelle Grillo: Das merkt man schnell: Unsere Software muss die Sprache der Branche sprechen, erst dann ist sie dort wirklich angekommen. In einem Baubetrieb wird anders gedacht als bei einer Spitex-Organisation oder in einer Anwaltskanzlei. Wenn wir von einem Projekt reden, kann das im Bau eine Baustelle oder ein Gebäude sein. In AbaCare sind es hingegen Klientinnen und Klienten oder Bewohnerinnen und Bewohner. Technisch steckt im Hintergrund oft dasselbe Modul – aber für die Anwenderinnen und Anwender muss die Software ihre Welt abbilden.

Es geht also nicht nur darum, bestehende Funktionen anders zu benennen?

Nein, überhaupt nicht. Branchenspezifisch bedeutet für uns, dass Funktionen und Prozesse so vorbereitet sind, wie sie in dieser Branche tatsächlich gebraucht werden. Eine Standardsoftware deckt viele grundlegende Geschäftsprozesse ab. Eine Branchenlösung geht dort weiter, wo spezifische Abläufe entscheidend werden. Das zeigt sich je nach Branche unterschiedlich.

Wo liegt aus Kundensicht der grösste Mehrwert einer Abacus Branchenlösung?

In der Gesamtintegration. Eine Software, die nur einen bestimmten Teilprozess abbildet, kann zwar stark sein. Unser Vorteil ist hingegen die Integration: Lohnbuchhaltung, Finanzen, Projektverwaltung, branchenspezifische Funktionen und weitere Abacus Anwendungen greifen nahtlos ineinander. Für Kundinnen und Kunden bedeutet das: weniger Schnittstellen, weniger Medienbrüche und durchgängige Prozesse.

«Man kann eine Branche nicht einfach schnell nebenbei erschliessen.»

Raffaelle Grillo, COO Abacus Research AG

Abacus ist heute in sehr unterschiedlichen Branchen aktiv – Bau, Care, Treuhand, Law, Handel, öffentliche Verwaltung und weitere. Was verbindet diese Branchen? Kann man denn überhaupt noch vom gleichen Modul sprechen? 

Auf den ersten Blick nicht viel. IhreProzesse können sehr unterschiedlichsein. Was sie bei uns verbindet, isthäufig die Softwarebasis im Hintergrund.Ein gutes Beispiel ist dieProjektverwaltung: Im Care-Bereichkann ein Projekt ein Klient sein, derLeistungen bezieht. Im Bau ist einProjekt ein Gebäude, ein Anbau oderein Umbau. In anderen Branchen istes ein Mandat oder eine Investition.Das gleiche Modul wird also sehrunterschiedlich eingesetzt.

Kann man denn überhaupt noch vom gleichen Modul sprechen?

Ja, weil das Modul sehr flexibel konfigurierbarist. Man kann es gewissermassenvon einer Seite zur anderenbiegen. Genau dafür arbeiten wir auchmit Basis- und Demo-Mandanten. Siesind für eine Branche vorkonfiguriertund zeigen Partnern sowie Kundinnenund Kunden, wie die Lösung im Alltagaussehen kann. So starten sie nichtauf der grünen Wiese.

Welche Branche hat dich in letzter Zeit am meisten beschäftigt?

Persönlich sicher der Bau. Dort haben wir mittlerweile mehrere Ausprägungen und sehr viele Anforderungen. Besonders im Bauhauptgewerbe arbeiten viele operative Mitarbeitende mit der Software.

Wie entsteht bei Abacus eine neue Branchenlösung?

Meistens beginnt es mit einem Impuls aus dem Markt. Bei der Spitex-Lösung kam zum Beispiel zuerst ein Kunde mit dem Hinweis, dass der bestehende Mitbewerber zwar etabliert sei, sich aber nicht mehr stark bewege. Später kam auch der Verband Zürich auf uns zu. In diesem Bereich hatten wir bereits Kundinnen und Kunden in Finanzbuchhaltung und Lohn. Die Frage war also naheliegend: Warum bilden wir nicht auch den operativen Teil ab? Also nach der Strategie eines Geiers. Wir warten und schauen, bis eine Lösung nicht mehr weiterentwickelt wird, und gehen dann in eine Nische. So hat jede Branchenlösung ihre eigene Herkunft und Geschichte.

Wie geht es dann weiter?

Dann braucht es ein dediziertes Team. Das geht nicht einfach nebenbei. Die Prozesse sind zu komplex, und man muss sich auf die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden einlassen. Wirstellen ein Team aus Produktmanagement und Entwicklung zusammen und suchen mehrere Kundinnen und Kunden, die mitarbeiten möchten. Nur für einen einzelnen Kunden bauen wir keine Branchenlösung. Das Risiko wäre zu gross, dass man zu spezifisch entwickelt. Deshalb beziehen wir mehrere Unternehmen ein – und wenn möglich auch Verbände.

Wie läuft diese Zusammenarbeit konkret ab?

Wir bilden oft eine Erfa-Gruppe. Dort treffen wir uns regelmässig, zeigen unseren aktuellen Stand und holen Feedback ein. Dazwischen besuchen wir Kundinnen und Kunden, schauen uns ihre Prozesse an und analysieren, was wirklich gebraucht wird und wo wir Innovation schaffen können.

«Eine Lösung im stillen Kämmerchen zu entwickeln, bringt nichts. Man muss sie erklären, zeigen und im Markt verankern.»

Raffaelle Grillo, COO Abacus Research AG

Wie lange dauert es, bis aus einer Idee eine produktive Branchenlösung wird?

Das hängt von der Lösung ab. Aber bei einer neuen Branchenlösung sprechen wir schnell von zwei bis drei Jahren vom ersten intensiven Austausch bis zu den ersten produktiven Kundinnen und Kunden. Man muss analysieren, konzipieren, entwickeln, zeigen, wieder Feedback einholen und iterativ weiterarbeiten. Man kann eine Branche nicht einfach schnell nebenbei erschliessen.

Welche Rolle spielen Vertriebspartner in diesem Prozess?

Am liebsten binden wir sie früh ein. Wichtig ist aber, dass sie motiviert sind und wirklich in die Branche investieren wollen. Es darf nicht darum gehen, einfach zusätzliche Stunden zu verkaufen. Wenn Partner von Anfang an dabei sind, verstehen sie später die Diskussionen und Entscheidungen viel besser.

Was braucht es neben der Software selbst, damit eine Branchenlösung erfolgreich wird?

Es braucht mehr als ein gutes Produkt. Es braucht Partner, Marketing, Business Development und den Austausch mit Verbänden. Eine Lösung im stillen Kämmerchen zu entwickeln, bringt nichts. Man muss sie erklären, zeigen und im Markt verankern. Verbände spielen dabei eine wichtige Rolle. Wenn sie von einer Lösung überzeugt sind, tragen sie diese Botschaft weiter. Das schafft Vertrauen in der Branche. Ganz wichtig ist unser Business Development und Produktmarketing. Sie erarbeiten frühzeitig Unterlagen und gehen zu potenziellen Kundinnen und Kunden, um aufzuzeigen, was wir entwickeln.

Wenn du drei bis fünf Jahre nach vorne blickst: Wie werden sich Branchenlösungen weiterentwickeln?

Die Anforderungen werden weiter steigen. Deshalb brauchen wir Menschen, die Branchen wirklich verstehen. Das gilt für uns, aber auch für unsere Partner. Wir sagen unseren Partnern deshalb immer wieder: Fokussiert euch auf einzelne Branchen, statt zu viele Märkte gleichzeitig abzudecken. Die Zeiten, in denen man vieles nur oberflächlich bedienen konnte, sind vorbei. Heute muss man die Sprache der Branche sprechen und ihre Prozesse kennen.

Wird Abacus laufend neue Branchen erschliessen?

Wir sind nicht ständig auf der Suche nach der nächsten Branche. Oft kommt ein Impuls von aussen – von Kundinnen und Kunden, Partnern oder Verbänden. Dann prüfen wir, ob es sinnvoll ist und ob wir mit unserer Software einen echten Mehrwert schaffen können. Aktuell beschäftigen uns die Spitex und verschiedene Baubereiche stark. Auch bei Architekten, Ingenieuren und Planern gehen erste Kundinnen und Kunden produktiv, und dann beginnt die nächste Phase: lernen, verbessern, vertiefen.

Man kann also nicht von Anfang an alles perfekt machen?

Nein. Das wäre unrealistisch. Man möchte natürlich von Anfang an alles richtig machen, aber das gelingt nie zu 100 Prozent. Man lernt mit den ersten Kunden, verbessert die Lösung und geht Schritt für Schritt tiefer. Wichtig ist, dass man diesen Prozess ernst nimmt und nahe an den Kunden bleibt.

Abschliessend gefragt: Was ist der entscheidende Vorteil von Abacus?

Dass wir Branchenwissen, Partner, Mitarbeitende und eine integrierte Software zusammenbringen. Unsere Partner und Mitarbeitenden denken sich immer wieder tief in Branchen hinein. Gleichzeitig haben wir mit Finanzen und Lohn sehr starke Kernbereiche. Wenn wir dazu den operativen Teil einer Branche abbilden, entsteht ein Gesamtpaket. Alles aus einer Hand – das ist unsere Vision, unsere Motivation und am Schluss auch der Grund, warum Kundinnen und Kunden zu Abacus kommen.

«Eine Lösung im stillen Kämmerchen zu entwickeln, bringt nichts. Man muss sie erklären, zeigen und im Markt verankern.»
 

Raffaelle Grillo, COO, Abacus Research AG