Geschätzte Leserin
Geschätzter Leser
Die Zukunft ist jetzt
1981 kam der Film «Jäger des verlorenen Schatzes» heraus. Darin gibt es eine bis heute berühmte Szene, in der Indiana Jones einem schwarzgewandeten Schwertkämpfer gegenübersteht, der beeindruckend sein Schwert schwingt. Müde und gelangweilt zieht Indy seinen Revolver und erschiesst ihn einfach. Wie war das möglich? Der Schwertkämpfer hatte sicher jahrelang geübt, um seine Waffe möglichst effizient einzusetzen. Aber die Zeit hatte ihn überholt: Ein einziger Schuss aus der Distanz, und seine ganze Schwertkunst war irrelevant.
1274 griffen die Mongolen unter Kublai Khan Japan mit rund 500 bis 900 Schiffen und etwa 30 000 bis 40 000 Mann an; an der Hakata-Bucht standen ihnen nur wenige tausend Samurai gegenüber – schätzungsweise 6000. Die Samurai kämpften traditionell als Einzelkämpfer: Sie ritten vor, nannten Namen und Herkunft und forderten Gegner zum Zweikampf. Die Mongolen ignorierten das völlig – sie umkreisten einzeln vorgestürmte Samurai einfach. Die Mongolen nutzten Kompositbögen mit grösserer Reichweite und vergiftete Pfeile, sodass schon Streiftreffer tödlich wirken konnten. Dazu setzten sie Sprenggranaten (Tetsuhau) ein, die per Katapult oder von Hand geworfen wurden. Schiesspulver war in Japan völlig unbekannt und versetzte die Verteidiger in Angst und Schrecken. Manche Historiker meinen, dass die Japaner geringe Chancen gehabt hätten, wenn nicht ein Taifun gekommen wäre und rund ein Drittel der mongolischen Flotte zerstört hätte. Moral der Geschichten? Unabhängig davon, wie gut man mit einer Technik oder einem Werkzeug umgehen kann: Wenn die Zeit gekommen ist, wird auch die grösste Meisterschaft irrelevant. Es gewinnt nicht, wer am längsten geübt hat, sondern wer das effizienteste Werkzeug verwendet – ausser man hat das Glück, dass ein Taifun einen rettet.
Heute allerdings wechseln die relevanten Werkzeuge nicht mehr im Rhythmus von Generationen, sondern von Jahren. Damit dreht sich das Prinzip um: Nicht mehr der Meister eines Werkzeugs ist erfolgreich, sondern der, der jederzeit das geeignetste Werkzeug erkennt und übernimmt. Das stellt uns vor ein Dilemma, auf das weder unsere Gene noch unsere Geschichte uns vorbereitet haben: Der Mensch ist darauf ausgelegt, ein einmal erlerntes Können ein Leben lang zu verwerten. Doch das angeeignete Wissen verliert heute schneller an Wert, als es sich aufbauen lässt. Gefragt ist daher nicht mehr Meisterschaft im Umgang mit einem Werkzeug, sondern die Kunst, das geeignete Werkzeug zur richtigen Zeit am richtigen Ort einzusetzen.
Künstliche Intelligenz ist ein solches Werkzeug. Doch wie einst die mongolischen Sprenggranaten versetzt sie viele Menschen in Furcht. Falsch eingesetzt richtet sie erheblichen Schaden an – sie unterscheidet eben so wenig zwischen Freund und Feind wie jene mongolischen Granaten zwischen Angreifer und Verteidiger. Richtig eingesetzt hilft sie, Probleme schnell und effizient zu lösen, die der Mensch allein nur schwer bewältigen könnte. Weil sie «intelligenter» als ein Mensch ist? Nein – sondern weil sie komplexe Muster und Zusammenhänge sehr viel schneller erkennt.
Dabei darf man nicht vergessen, dass Künstliche Intelligenz – um das berühmte Bild der Linguistin Emily Bender aufzugreifen – ein «stochastischer Papagei» ist: Sie gibt vor, zu verstehen, was sie von den Besten unserer Zunft gehört hat. Und wir glauben ihr umso eher, als ein solcher Papagei genau weiss, wie man sich «gebildet» ausdrückt – er wiederholt die Muster der klügsten Stimmen, ohne sie zu begreifen. Entscheidend ist daher, dass Künstliche Intelligenz wie jedes Werkzeug richtig eingesetzt wird. Sie arbeitet probabilistisch, nicht deterministisch: Sie liefert nicht die eine richtige Antwort, sondern die statistisch plausibelste – systembedingt, nicht aus Nachlässigkeit. Halluzinationen sind formal als unvermeidbar bewiesen, da kein berechenbares Modell alle berechenbaren Funktionen erlernen kann (Xu et al. 2024). Selbst OpenAI attestiert ihnen statistische Ursachen im Training selbst, die auch neueste Modelle nicht beheben (Kalai et al. 2025). Das Problem wird sich nicht lösen lassen – nur verringern.
Somit bleibt uns nur, den Umgang mit diesem Werkzeug zu lernen – wie unsere Vorfahren mit Schwert, Pflug und Feder. Künstliche Intelligenz ist nun Teil unseres Lebens, und erfolgreich wird, wer lernt, sie richtig einzusetzen: nicht als Orakel, dem man blind vertraut, sondern als Werkzeug, dessen Stärken man nutzt und dessen Grenzen man kennt. Diese Lektion können wir nicht der nächsten Generation überlassen – denn sie verändert unser Leben nicht irgendwann, sondern jetzt, in rasantem Tempo. Abacus zeigt mit seinen neuen Versionen, dass auch unser Unternehmen diese Zeichen der Zeit erkannt hat.
Claudio Hintermann
Co-CEO Abacus Research AG